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Ist das Gras auf der anderen Seite des Zauns grüner?

Eigene Geschichten ausdenken? Seit ich erzählen kann.

Sie aufschreiben? Seit ich schreiben kann.

„Das Kind hat zu viel Fantasie.“ Ein Satz, der mich durchs Leben begleitet.

 

Eigene Geschichten veröffentlichen? Der Berufswunsch seit Kindertagen.

„Sie wird schon noch was Richtiges lernen.“ Beschwichtigen meiner Mutter, wenn mein Vater mir all‘ die einkommensschweren Berufe empfiehlt.

 

Meinen Berufswunsch verwirklicht? Schon lange.

 

Rund 100 Bücher und zahlreiche andere Veröffentlichungen später schaut mich das Gras auf der anderen Seite des Zauns immer öfter und verlockender an. Wo wohl ist es grüner, auf der Seite des Autors oder auf der Seite des Verlegers? 

 

2018 im Herbst beschließe ich, es auszuprobieren. 

 

Es muss Lampenfieber sein, was mich, die doch sonst nie Lampenfieber hat, bei diesem Entschluss als kleines Flattern überkommt. Traue ich mich wirklich? Aus dem sicheren Hafen der in langen Jahren für mich als Autorin eingenommenen und durchaus nicht immer ganz so einfach gewonnenen Verlage hinaussteuern? Will ich das ernstlich?

 

Nicht mehr nur das Verwöhnprogramm der professionellen Lektorate und Redaktionen, die meine Skripte übernehmen, sobald ich sie druckfertig meinem jeweiligen Vertragspartner-Verlag übergebe? Nicht mehr nur Druckfahnen Imprimatur lesen und Schluss?

 

Nicht mehr nur der ganze sichere Verwaltungs- und Vertriebsapparat eines großen, wirtschaftlich gut eingeführten und renommierten Verlagshauses, das mein Buch veröffentlicht, es auf den Markt wirft, bewirbt, vertreibt?

 

Nicht mehr nur das Klingeln an der Haustür, die Übergabe eines Kartons durch den Paketboten? Schwer gefüllt, meine Belegexemplare meines fertigen Buches, druckfrisch, ein wenig nach Druckpapier riechend, leise knirschend, wenn ich die Seiten im Daumenkino kurz aufblättern lasse.

 

Nicht mehr nur ein fertiges „Werk“, eines mehr zu meiner stolzen Freude, eines mehr in meinem Regal, auf meiner Website und im Schatz der Rezensionen.

Ein neues eigenes Buch! Welch‘ Gefühl!

 

Ist es da nicht absurd, nach all den Jahren und Erfolgen als Autorin, nochmals völlig neu in Sachen Buch durchzustarten? Mich von der so hart erkämpften sicheren Seite des Zauns auf die unbekannte andere zu wagen? Nur weil ich wissen will, wie es dort so ist? Nur, weil ich Lust habe, auch diese zu entdecken? Nur, weil ich wissen will, nein, Wissen will?

Jetzt? Jetzt noch? Mit 70.

 

Ja, denke ich und muss über mich lachen, es ist absurd, ein bisschen verrückt. Vielleicht total verrückt. Aber vor allem ist es aufregend, spannend, herausfordernd. Es ist lebendig. Ist es das, was Bäume vor dem Absterben dazu bringt, noch einmal ganz viele Früchte zu tragen?

 

Nun denn, denke ich und genieße mein Lachen über mich selbst, während ich auf dem Amt den Anmeldebogen am Computer ausfüllen lasse, den man ausfüllen lassen muss, wenn man einen Verlag gründet und die Gründungsgebühr entrichtet.

„70 Jahre und kein bisschen weise“, hieß es nicht so bei Curd Jürgens, dem großen Schauspieler der „Schachnovelle“ mit der Stimme, die so gar nicht sangestauglich war und doch so wundervoll ins Ohr schleicht? Oder waren es „60 Jahre“ bei ihm? Egal, bei mir sind es 70 und weise zu werden, braucht, hat das nicht Zeit?

 

Welchen Namen ich meinem Verlag geben würde, stand schon seit meinen Jugendtagen fest: Edition Blaue Stunde.

Mit einem Logo so blau wie der Himmel in dieser kurzen Phase zwischen Morgen und Tag, wenn die Dunkelheit noch nicht weichen will, obschon das Licht heraufschwimmt; in diesen wenigen Minuten nur, wenn das Schwarzblaue der Nacht das Silber der Dämmerung färbt. Färbt in ein Blau so blau, dass ich die Schönheit dieses Blaus wie mit Augen sehe, die mir den Zauber hinter dem Zauber zeigen; ein Blau so blau, dass ich die Innigkeit dieses Blaus wie Hände aus Feuer und Eis um mein Herz fühle, die es pressen, bis es überquillt.

 

So muss es sein, wenn man ein Buch liest, das man nie vergisst.

 

Solche Bücher will ich machen. In meinem eigenen Verlag. Jetzt.

 

(c) Dr. Karin Jäckel, 2019